Die Corona-Krise ist nicht nur ein medizinisches Problem: Das Covid-19-Forschungsprogramm des Nationalfonds stösst bei prominenten Wissenschaftern auf Kritik

Die Corona-Krise ist nicht nur ein medizinisches Problem: Das Covid-19-Forschungsprogramm des Nationalfonds stösst bei prominenten Wissenschaftern auf Kritik

Urs Hafner (Aus dem NZZ-E-Paper vom 14.05.2020)

Das ist das Schöne am Schrecken: Er macht die Dinge sichtbar und bringt sie in Bewegung. Das Parlament? Es hat sich seiner Verantwortung entzogen und seine Macht abgegeben; Selbstrettung ging vor Demokratie. Unsere Infrastruktur? Das Werk von Tieflohnbezügerinnen und Migranten. Und die Wissenschaften? Professoren können plötzlich Konflikt!

Der Schweizerische Nationalfonds (SNF), der wichtigste Akteur der Forschungsförderung, hat schnell auf die Pandemie reagiert. Nach der Lancierung einer Sonderausschreibung hat er in wenigen Wochen das Nationale Forschungsprogramm (NFP) «Covid-19» aus dem Boden gestampft. Noch bis zum 25. Mai können sich Forschende mit ihren Projekten um die insgesamt zwanzig Millionen Franken des Corona-NFP bewerben. Gewöhnlich dauert dieser Prozess rund zwei Jahre.

Und gewöhnlich stösst die Politik des SNF in der Scientific Community auf breite Akzeptanz. Die Themenfindung erfolgt meist Bottom-up, die Forschenden sind in die kompetitive Mittelvergabe involviert, Geld ist vorhanden (eine Milliarde pro Jahr). Nun aber wenden sich 17 Professorinnen und Professoren der Geistes- und Sozialwissenschaften in einem offenen Brief an den SNF und kritisieren die Ausrichtung des Corona-NFP scharf. Das ist ungewöhnlich.

Pikant daran: Die Unterzeichnenden sind alle ehemalige SNF-Forschungsräte, gehören also zu jener Wissenschaftselite, welche die schweizerische Forschungslandschaft der letzten Jahre massgeblich geprägt hat, nicht nur mit ihren Arbeiten, sondern auch mit ihrer Förderpolitik. Ihre Namen lesen sich wie ein Who’s Who der hiesigen Humanities»

Alexander Grob, Psychologe an der Universität Basel, ist der Initiator des Briefs. Er habe keine amtierenden Forschungsräte zur Unterzeichnung eingeladen, um sie nicht in einen Loyalitätskonflikt zu führen, sagt er. Seine Tat zeugt von Courage; als Leiter des Nationalen Forschungsprogramms zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen steht er in Diensten des SNF.

Der Brief moniert, das NFP zu Corona richte sich fast ausschliesslich an Biologen und Medizinerinnen und folge einem zu engen «Krankheits- und Gesundheitsverständnis». Dabei brauchte es nun den geweiteten Blick von Disziplinen wie Anthropologie, Geschichte, Ökonomie, Politologie, Psychologie, Rechtswissenschaften, Soziologie. «Der SNF favorisiert ein Denkmodell, wonach wir bloss das Virus in den Griff kriegen müssen, damit wieder alles in Ordnung kommt», sagt Grob.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften, so der Brief weiter, müssten nun etwa die Eingriffe in die Wirtschaftsfreiheit, den Übergang zum Notrecht, die materiellen und psychologischen Auswirkungen auf die Menschen und auf das Verhältnis der Generationen erforschen. Die Unterzeichnenden verlangen vom SNF, dass er diese und weitere Fragen entweder in das bestehende Programm integriere oder ein weiteres lanciere.

Darauf angesprochen, weist Angelika Kalt, Direktorin des SNF, darauf hin, dass dieser vom Bund ein Mandat für das neue NFP erhalten habe: «Angesichts der Dringlichkeit ist das Verfahren gesetzeskonform verkürzt worden. Der Fokus liegt auf der Biomedizin, aber die Beteiligung anderer Disziplinen ist möglich.» Zudem stehe die Sonderausschreibung auch den Geistes- und Sozialwissenschaften offen. Eigentlich aber müsse der Brief sich nicht an den SNF, sondern an das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation richten.

Was sagt das Staatssekretariat? Der SNF sei selbstverständlich in die Vorbereitung des NFP involviert gewesen. Zunächst müssten nun eben die dringenden medizinischen und klinischen Fragen geklärt werden, dann sei, basierend auf verlässlichen Daten, eine Verlängerung oder Erweiterung des NFP um gesellschaftliche und ökonomische Themen denkbar.

Die Krise konturiert das Reale: Jedes Land lanciert sein eigenes Corona-Programm; von der vielgepriesenen Transnationalität der Forschung ist gerade nicht viel zu sehen. Und die harten Wissenschaften werden von der Politik ganz selbstverständlich favorisiert; von ihnen erwartet man die tauglichen Lösungen, nicht von den Humanities. Der für die Geistes- und Sozialwissenschaften im NFP vorgesehene Raum ist tatsächlich marginal, auch wenn das letzte Wort noch nicht gesprochen scheint. Dass jetzt Immunpathologie und Behandlungsmanagement oben auf der Forschungsagenda stehen, ist nachvollziehbar. Aber die Krise fast nur naturwissenschaftlich-technisch anzuge­hen, zeugt nicht von Weitblick.

Aus dem NZZ-E-Paper vom 14.05.2020

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